an uns brechen sich die Wellen der Geschichte wie an einer Klippe. Der eigenen Kraft sind wir überdrüssig, und aus der Unfreiheit haben wir eine Tugend gemacht: wir sind edelmütig aus Trotz geworden. Mesa Selimovic
Dienstag, 17. Februar 2015
Doku-Tip: "Perspektiva"
Auch lange nach Ende des Krieges gibt es noch immer Wunden, die kaum heilen, Grenzen, wenn auch unsichtbar, die existieren und die Bosnier teilen, so wie in Mostar, der Stadt, die immer noch zweigeteilt ist: in die kroatische und die bosnische Seite. Wie geht die Jugend heute damit um? Schaffen sie es, diese unsichtbare Grenze aufzulösen? Das sind unter anderem die Themen der Doku "Perspektiva" des Radios Slobodna Evropra in Zusammenarbeit mit dem NED (The National Endowment for Democracy) Der bekannte Musiker Marchelo aus Beograd zeigt Bilder aus Mostar und redet mit den Jugendlichen:
Perspektiva - erste Folge
Konzert-Tip ARTE: Sarajevo 1914-2014: Ein Konzert für den Frieden, Halka und Amira Medjunanin
Und mal wieder ist der Sevdah das Thema :-) Dieses Mal ist es Konzert, das im Juni 2014 in Sarajevo stattfand, das nach kultureller Vielfalt strebt. Im Programm: ein neues Ensemble für traditionelle Musik rund um den serbischen Jazzpianisten Bojan Z und die bosnische Sängerin Amira Medunjanin, der Kontrabassist Nenad Vasilic aus Serbien, aus der Türkei Ufuk Kaan Icli und Emin Esen, sowie Musiker aus Bosnien-Herzegowina: Halka
Ein wundervolles Konzert, mit einer bezaubernden Amira Medjunanin und grossartigem Bozo Vreco auf der Bühne!
Freitag, 9. Januar 2015
entschuldigt bitte...
...falls ich mich nicht genug entschuldige....
entschuldigt bitte, dass ich nicht mehr machen kann als das, was ich jetzt schon mache- reden, schreiben, erklären aber entschuldigt bitte auch, dass ich müde werde, dass meine Kraft aber auch meine Lust, Euch Eure Ängste zu nehmen, Eure Vorurteile zu zerstreuen, nachlässt...
denn ich bin nicht Charlie... ich bin Mensch, Quasi-Deutsche mit Migrationshintergrund, Moslem, in der Reihenfolge. Jeden Tag kämpfe ich aufs Neue in meinem eigenem Djihad- nämlich dem ein guter Mensch, zu sein.Mein Djihad hat nichts mit dem Terrorismus zu tun, mein Gott heisst das Morden in seinem Namen nicht gut, mein Prophet zeigte durch sein Wesen und seine Art, was Liebe und Hingabe heisst.
entschuldigt bitte, dass ich nicht mehr machen kann als das, was ich jetzt schon mache- reden, schreiben, erklären aber entschuldigt bitte auch, dass ich müde werde, dass meine Kraft aber auch meine Lust, Euch Eure Ängste zu nehmen, Eure Vorurteile zu zerstreuen, nachlässt...
denn ich bin nicht Charlie... ich bin Mensch, Quasi-Deutsche mit Migrationshintergrund, Moslem, in der Reihenfolge. Jeden Tag kämpfe ich aufs Neue in meinem eigenem Djihad- nämlich dem ein guter Mensch, zu sein.Mein Djihad hat nichts mit dem Terrorismus zu tun, mein Gott heisst das Morden in seinem Namen nicht gut, mein Prophet zeigte durch sein Wesen und seine Art, was Liebe und Hingabe heisst.
Die letzten Tage waren ein einziges Deja-Vu. Nach den Ereignissen in Paris erinnert mich alles von der Berichterstattung bis zu den Kommentaren in meinem Umfeld an die Tage nach dem 11.September. Schon damals hatte ich das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, entschuldigen zu müssen, für das was eine Handvoll Idioten getan habe, deren Motive ich nicht nachvollziehen kann und mit denen ich mich nicht identifiziere. Heute habe ich das Gefühl wieder und ich will das nicht. Denn diese Handvoll Idioten stehen nicht für den Islam, den vier Millionen Menschen hier in Deutschland leben. Diese Handvoll Idioten stehen nicht für das, was der Prophet mit den Worten Gottes den Menschen weitergab. Diese Handvoll Idioten sind genau das - eine Handvoll und Idioten, mehr nicht.
Allerdings und das ist auch ein Grund warum ich sage, ich bin nicht Charlie: wer Spott sät, wird Hass ernten. Seit Jahren veröffentlichen Zeitungen Karrikaturen, die den Islam und Mohammed unter dem Deckmantel der Satire verspotten und damit Feuer ins Öl giessen. Damit wir uns richtig verstehen: ich bin für Pressefreiheit und ich bin für das Recht, zu kritisieren! Natürlich muss man diskutieren, natürlich muss man kritisieren, gerade, was das Thema Religion angeht. Aber bitte sachlich, konstruktiv, nicht mit Hohn und Spott, Satire hin, Tucholsky her. Und sollte die Titanic jetzt da weitermachen, wo Charlie aufgehört hat, dann macht es nicht die Handvoll Idioten mundtot sondern verletzt die Gefühle der "vernünftigen", der "normalen" Moslems, die es einfach leid sind, mit Terroristen gleichgesetzt zu werden.
Respekt und Verständnis auf beiden Seiten ist gefragt, noch nie war das Gespräch so wichtig und nötig wie jetzt:
“Raise your words, not voice. It is rain that grows flowers, not thunder.”
Mein vollstes Mitgefühl gilt an dieser Stelle den Opfern, mögen ihre Seelen Frieden finden!
Samstag, 8. November 2014
wer vergisst, was geschah...
Heute vor 21 Jahren wurde Mostars wunderschöne "Alte Brücke" stari most zerstört.
1556 bis 1566 von dem osmanischen Architekten Mimar Hajrudin (auch Hayreddin) im Auftrag des osmanischen Sultans Süleyman I. als Einbogenbrücke erbaut, verband die Brücke die bosniakische mit der kroatischen Seite Mostars. Hajrudin war Schüler des bedeutendsten osmanischen Architekten Mimar Sinan. Einer unbelegten Legende zufolge testete Hajrudin vor dem Bau der eigentlichen heute als „Stari Most“ bekannten Brücke das neue Konzept des Brückenbaus in kleinerem Maßstab. Dazu wurde in der Nähe des eigentlichen Standortes eine baugleiche Miniatur errichtet, die heute noch existiert.
Am 8./9.11.1993 wurde die Brücke zerstört. Die Zerstörung nach mehrstündigem Beschuss wurde durch Amateurkameras dokumentiert. Nach Meinung der Anklage des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) im Fall Prlic et al. wurde die Brücke durch den kroatischen Verteidigungsrat gezielt zerstört.
Eine Untersuchung der Filmaufnahmen durch kroatische Wissenschaftler, veröffentlicht als Beweismittel der Verteidigung im Prozess gegen Slobodan Praljak, kam dagegen zu dem Ergebnis, dass die Brücke mit hoher Wahrscheinlichkeit nach dem Beschuss und den damit einhergehenden starken Beschädigungen endgültig durch eine an der Brücke angebrachte explosive Ladung gesprengt worden sei. Das Sprengkabel zur Ladung habe demnach zur charakteristischen Wassersäule zum Zeitpunkt der Sprengung geführt.
Im Mai 2013 verurteilte der Strafgerichtshof sechs Verantwortliche der Kroatischen Republik Herceg-Bosna wegen schweren Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, aber auch wegen Zerstörung der Brücke erstinstanzlich zu langjährigen Haftstrafen.
In jahrelanger internationaler Zusammenarbeit wurde jetzt eine Kopie des zerstörten Originals Stein für Stein hergestellt, 2004 war die Wiedereinweihung.
Nicht nur wegen ihrer architektonischen Einmaligkeit, sondern auch aufgrund der großen Symbolkraft der Brücke wurde das Bauwerk und seine historische Umgebung am 15. Juli 2005 in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen und ist damit die erste Welterbestätte in Bosnien-Herzegowina. Die UNESCO würdigte die Brücke als „Symbol der Versöhnung und internationalen Zusammenarbeit […] und […] Symbol für das Zusammenleben von verschiedenen religiösen, kulturellen und ethnischen Gemeinden“ Des Weiteren ist sie ein geschütztes Kulturgut nach der Haager Konvention.
Mehr dazu:
Schätze der Welt - Mostar
Schätze der Welt 2- Mostar
Samstag, 23. August 2014
warum singt die Trauer schöner als das Glück? - der Versuch einer Antwort
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| Mostar, Foto @ Lejla Tabak Siljak |
Liegt es denn tatsächlich daran, dass wir im uns Laufe der Zeit, im Laufe unserer blut- durchtränkten Geschichte daran gewöhnt haben, zu verlieren? Dass wir klagen, trauern, (rationale Menschen würden es jammern nennen) weil die Melancholie die Quelle unserer Kraft ist? Dass wir, indem wir durch das Loswerden unseres seelischen Mülls, Platz machen für die Liebe, die uns die Stärke gibt, wieder aufzustehen, weiterzumachen? Ich glaube nämlich nicht, dass wir grundsätzlich Jammerlappen, Klageweiber, emotionale Weicheier sind. Ja, wir neigen dazu, uns Opfer als zu sehen, standen wir doch im Laufe der Geschichte immer unter der Herrschaft anderer und doch sind wir stark, denn wir schafften es jedes Mal aufs Neue aus dem Nichts etwas aufzubauen, neu anzufangen - ob es Kriege oder Naturkatastrophen waren.
Wir sind steinerne Schläfer mit einem Herzen aus Gold und einer Seele, wach und weit wie das blaue Meer.
Wir sind so- ein lebender Widerspruch und deswegen lieben wir, leben wir wahrscheinlich auch den Sevdah. Wir weinen, während wir singen, lachen, während uns das Herz blutet. Der Sevdah ist der Soundtrack des Moments, in dem wir uns einen Augenblick lang lächelnd zurücklehnen weil das Leben gut sein kann auch wenn die Welt in brennenden Trümmern liegt.
Mit dem Lied "Kisa bi pala" zum Beispiel verbindet mich eine schöne wie schmerzhafte Erinnerung, der Moment an dem ich anfing Sevdah zu lieben, ihn durch meine Adern fliessen zu lassen als Teil meines Selbst.
Kisa bi pala, pasti ne moze, kisa bi pala, pasti ne moze
sunce bi sjalo, sjati ne moze, sve zbog zalosti, Ibrahim-bega
Ibrahim-bega svezana vode, Ibrahim-bega svezana vode
svezana vode da ga objese, svezana vode da ga objese
Za njim pristaje, brat mu Alija, za njim pristaje, brat mu Alija
brate Alija, pazi mi djecu, pazi i moju, kao i svoju
Kad svojoj djeci, krojis haljine, kad svojoj djeci, krojis haljine
kroji i mojoj, kao i svojoj, nek se ne pozna da su sirocad
Der Regen würde fallen, doch traut er sich nicht
Die Sonne würde scheinen, doch traut sich nicht
Sie trauen sich nicht wegen Ibrahim-Begs Trauer
Sie führen ihn in Fesseln
Sie führen ihn in Fesseln, um ihn zu hängen
Ihm folgt sein Bruder Alija,
mein Bruder Alija, passe auf meine Kinder auf
Wenn du deinen Kindern Kleider nähst, so nähe sie auch meinen, damit man nicht sieht,
dass sie arme Waisen sind.
Die Erinnerung ist eine Momentaufnahme von der Hochzeit meines Bruders. Die meisten Gäste waren gegangen, am Tisch bei der Band sassen eine Handvoll Gäste mit dem Akkordeon-Spieler. Mein verstorbener Vater, Alija, ohne Vater aufgewachsen sass mit am Tisch und ein Freund stimmte dieses Lied an. Es war eines der wenigen Male, in denen ich meinen Vater, meinen Helden, meinen Fels in der Brandung weinen sah, ein paar Minuten später machte er schon wieder Scherze.
Und so, genau so sind wir. Wir lachen, während uns das Herz blutet und weinen während wir singen....
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