Montag, 18. Januar 2016

DIVANHANA live in Stuttgart!

Seit 2009 begeistern Divanhana Musikliebhaber mit ihren modernen Interpretationen des klassischen Sevdah. Ihr Stil wird geprägt durch eine ebenso erfrischende wie harmonische Kombination von Jazz, Pop und Klassik mit wohlbekannten Elementen und Melodien. Mit dieser Mischung gelingt es Divanhana immer wieder, Altbekanntes vertraut aber trotzdem neu klingen zu lassen. Live überzeugen die jungen Musiker mit Können, Energie und einem grossen Repertoire an Liedern und entführen so den Besucher auf eine bezaubernde, musikalische Reise quer durch den ganzen Balkan. 2016 stellen sie auf ihrer Tour ihre neue CD "Zukva" vor. Am 04. März sind sie in Stuttgart zu Gast, worauf ich mich sehr freue :-) Auf meiner Facebook-Seite gibt es ein Gewinnspiel, einfach mal reinschauen!

Samstag, 31. Oktober 2015

egal, wie lange man bleibt - es ist immer zu wenig 5. Teil




der perfekte Moment...

beim morgendlichen Kaffee mit der Nachbarstochter Maida fragt sie mich, was heute ansteht. Am Abend vorher hatte es geregnet und es war angenehm kühl. Ich schaue zur Burg Stjepan Grad hoch, die man von unserem Balkon aus sieht und ich frage sie, ob sie für uns Touriführer spielen will. Eine Stunde später sind wir unterwegs und auf dem Weg hoch zur Burg verfluche ich in Gedanken jede einzelne Zigarette, die ich jemals geraucht habe. Meine Kleine und Maida, halb so alt wie ich, kraxeln fröhlich vor sich hin, singen, während ich nur damit beschäftigt bin zu ATMEN :-). Gute zwei Stunden sind wir auf dem ausgetretenen Trampfelpfad nach oben unterwegs und Maida amüsiert sich, fotografiert mich, wie ich so verschwitzt und ausser Atem da stehe. Bin so fertig, dass es nicht mal für eine gehässige Antwort reicht und wer mich kennt, weiss, wie selten das vorkommt :-) 


Doch oben angekommen, werde ich für jeden Schweisstropfen mit einem wunderschönen Blick auf Blagaj belohnt. Ich setze mich auf die Wand der Burgruine, zünde mir eine Zigarette an und denke im ersten Moment - NICHTS, ich geniesse die Freiheit und die Ruhe. Wenn es so etwas wie DEN perfekten Moment gibt, dann erlebe ich ihn jetzt in diesem Augenblick, während ich die Buna, die Stadt unter mir, die Wälder und die Berge um mich herum betrachte. Mein Blick bleibt an der Tekija hängen und einmal mehr fällt es mir schwer angesichts der atemberaubenden Schönheit, die passenden Worte zu finden.





Es ist ein faszinierendes Stückchen Erde und Geschichte hier, wie vieles in Bosnien.
Bevor die Türken die Region eroberten, war die Festung im Besitz des Herzogs Stjepan Vukčić Kosača. Von seinem Vornamen leitet sich der heutige Name der Festung ab. 
Der illyrische Stamm Daorsi (Dauersii, Daorsei) baute zwischen dem 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. eine befestigte Siedlung auf dem Gipfel am Oberlauf der Buna. Römer wandelten diese in ein Feldlager (castrum) um. Im 10. Jahrhundert hatte sich die auf den Ruinen der alten römischen Festungsmauern errichtete Burg zum Mittelpunkt der Hum-Region entwickelt. In der Folgezeit machten sich verschiedene Herrscher die Festungsstadt zu eigen: im 11. Jahrhundert besetzten die Fürsten von Zeta aus dem Kernland des heutigen Montenegro die Burg. Anschließend wurde sie vom serbischen Fürsten Stefan Nemanja beherrscht. Im ersten bosnischen Staat gelangte die Burg in den Besitz der bosnischen Könige und im Jahr 1428 in den Besitz der Feudalfamilie Kosača. Im Jahr 1465 eroberten die Türken die Burg und erweiterten sie durch große Türme, fünf Schanzen, ein Verlies und eine Moschee. Der Eingang wurde durch eine eisenbeschlagene Tür geschützt. Im Jahr 1827 wurde die Anlage bei einem Erdbeben schwer beschädigt und schließlich 1835 verlassen.



Meine Kleine ist von der Burgruine begeistert, erzählt gleich von dem bösen Drachen, der die Prinzessin in den Ruinen bewacht und dass sie gerettet werden muss. Das ist der Augenblick, in dem ich mir die Frage, die mich im Karawanketunnel so sehr beschäftigt hat selber beantworte: Ich bin erwachsen geworden und es war das dümmste, was ich je gemacht habe :-)

Wir verbringen einen wundervollen Nachmittag. Als wir nach Hause kommen, schläft meine Kleine fast im Stehen ein. Nach dem Baden schläft sie, ich mache mir einen Kaffee setze mich auf den Balkon und ein paar Zeilen aus einem Gedicht fallen mir ein 

Irgendwann versteh ich das vielleicht:
Ich kann werden, wer ich sein will, ich kann mir nehmen, was ich brauche,
und ich muss nicht länger suchen, weil längst bin, wo ich hingehöre...

Mittwoch, 28. Oktober 2015

egal, wie lange man bleibt - es ist immer zu wenig 4. Teil

 



Voll angekommen...

geniesse ich das Hier und Jetzt - bin auf dem neuesten Stand, was den Klatsch und Tratsch in meiner mahala/Viertel angeht, kenne jeden einzelnen "liegenden Polizisten" von Blagaj bis Mostar (sie heissen Spaha, Dzeko, Vedo und Mise) und der supernette Tankwart an "meiner" Tanke legt mir schon die Zigaretten und meinen Energydrink bereit, sobald ich komme. Das ist übrigens auch so etwas, was mir wie die Bäckereien, die nachts um zwei offen haben, fehlt: Der Tankwart kommt raus und nimmt dir das Tanken ab, nicht nötig aber schön. Und so selbstverständlich sich das auch anfühlt, so oft meldet sich dann doch der Deutsche in mir und zwar in den lächerlichsten Situationen. Beim Müll wegbringen zum Beispiel: Bei uns stehen drei Container und als ich gerade den Müll wegschmeissen will, kommt von der anderen Seite unser Nachbarsjunge, 17 und wirft seinen Müll aus einiger Entfernung in den Container. Blöderweise hat er es nicht mit dem Zielen und seine Tüte landet vor dem Container. Doch statt ihn auifzuheben, lässt er ihn einfach so liegen und der Deutsche in mir könnte kotzen. Es ist lächerlich wie gesagt, doch es sagt viel über uns und unser fehlendes Umweltbewusstsein und Verantwortungsgefühl aus, ob es jetzt der Container auf der Strasse oder ein Flussufer ist.

Bin mit meiner kleinen Cousine verabredet, wir treffen uns in der Altstadt von Mostar und ich kann es mir nicht verkneifen, ein paar typische Touri-Fotos zu machen. Für das Foto der Alten Brücke verdiene ich, finde ich,  Respekt und Anerkennung, bin dafür auf das 27 Meter hohe Minarett einer Moschee gestiegen. Hat nicht wirklich Spass gemacht, war es aber wert!





Meine Cousine verspätet sich und so nutze ich die Zeit und schreibe ein paar Postkarten an Menschen, die mir lieb sind. Ja, Postkarten, liebe Kinder, das sind so rechteckige Bilder auf festem Karton, da schreibt man etwas Nettes auf die leere Rückseite, wie zum Beispiel: Liebe Grüße aus Mostar, klebt eine Briefmarke drauf und schickt es den Menschen, an die man so im Urlaub denkt. Klingt komisch, ist aber so :-)
Ich warte in einem sehr coolen Cafe auf sie, es heisst Pecina/ Höhle, ist tatsächlich in einer Höhle drin, was bei 40 Grad perfekt für eine kleine Auszeit ist und das erste Mal seit langer Zeit, ärgert sich die Deutsche in mir nicht darüber, dass jemand unpünktlich ist, ein gutes Zeichen :-) 

Ich freue mich auf meine Cousine, die mein Stolz, meine Heldin und eine Kämpferin ist, wie sie im Buch steht . Sie wird dieses Jahr 29, im Krieg hat sie als Kind einen Granatenangriff in der Nähe ihres Hauses überlebt, allerdings hinterliessen die Splitter so schwere Schäden, dass sie seitdem rechtsseitig gelähmt ist. Sie kommt von der Arbeit und muss erstmal ihrem Ärger Luft machen. Sie arbeitet für eine NGO, berät Kriegsopfer, mit bleibenden körperlichen Schäden, in allen Belangen des Alltags. Diese Opfer sind angefangen von nötigen Therapien bis hin zu Prothesen usw. oft alleine auf sich gestellt und müssen sich vieles erkämpfen. Sie erzählt mir von dem Fall, den sie an dem Tag hat. Es handelt sich um einen ehemaligen Soldaten, im Krieg schwer verletzt, nur eingeschränkt arbeitsfähig, dem nun die finanzielle Unterstützung entzogen wird. Ich höre zu und betrachte sie dabei. Die Stärke und Entschlossenheit, mit der sie davon spricht, dass das eine Ungerechtigkeit ist und sie dagegen angehen wird, macht mir Hoffnung und Mut, dass in diesem Land noch nicht alles verloren ist. Denn zum Glück und Gott sei Dank gibt es junge Menschen, wie sie, die den Müll in Form von sozialer Benachteiligung, Ungerechtigkeit, Korruption und Vetternwirtschaft aufräumen können und hoffentlich werden. Ich lächle sie an und meine im Scherz: Du solltest in die Politik gehen, ihr lakonische Antwort: lass mich nur in Ruhe mit dem Scheiss...Wir quatschen uns fest und erstaunt stelle ich fest, wie spät es ist und ich nach Hause muss, da sich Besuch angekündigt hat.


Auf dem Weg zum Auto fallen mir einige Häuser auf, die 20 Jahre nach dem Krieg noch immer zerstört da stehen, Efeu wächst aus den Einschusslöchern und wie es so bei Vielem der Fall ist, fühlt sich auch hier anscheinend keiner zuständig. Ich komme an diesem Graffiti vorbei und verdammt denke ich mir, was läuft in diesem Land nur schief?

Montag, 26. Oktober 2015

egal, wie lange man bleibt - es ist immer zu wenig 3. Teil


 

 

 Familienausflug :-)


Am nächsten Tag fahre ich mit meiner Mutter und meiner Kleinen zu den Kravice-Wasserfällen, 40 Kilometer von Mostar. Drei Generationen zusammen unterwegs, fühlt sich gut an. An den Wasserfällen angekommen, muss ich erst mal meine Kleine bremsen, dass sie nicht direkt ins Wasser springt. Die Hauptsaison ist zum Glück vorbei, sodass es nicht allzu überlaufen ist. Ich bin kein Freund von Superlativen, aber die knapp 30 Meter hohen Wässerfälle, umgeben von Bäumen sind tatsächlich atemberaubend schön, anders kann ich es nicht sagen und auf jeden Fall einen Besuch wert!
Auf dem Rückweg halten wir in Počitelj, Mamas Onkel hat hier lange vor dem Krieg als Imam gearbeitet, sie zeigt mir das Haus der Familie, erzählt mir von damals, wie sie als junges Mädchen zu den teferci (Dorffeiern mit Musik) gegangen ist, wie seinerzeit beim Kolo, dem Volkstanz, das Mädchen einen Jungen nie an der Hand sondern an einem Taschentuch gehalten hat. Sie lächelt, ihre Augen leuchten. Und so gerne und viel meine Mutter redet, so schwer tut sie sich damit, ihre Gefühle zu zeigen. Umso schöner finde ich es, dass sie es jetzt macht und mich an ihren Erinnerungen teilhaben lässt.  
Wir fahren weiter zu Burg, schaffen es tatsächlich aber nur zur Hälfte hoch und besuchen die Moschee. Počitelj ist ein kleines Städtchen, mit einer faszinierenden Geschichte: So wurde die Festung zum Beispiel in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde die Festung durch die damals herrschenden Ungarn systematisch ausgebaut, um die auf Zentralbosnien und Mitteldalmatien zielenden Feldzüge der Osmanen abwehren zu können.
Nach mehreren erfolglosen Versuchen gelang es den Osmanen am 19. September 1471 doch, die Burg unter ihre Kontrolle zu bringen. Damit war das wichtigste Hindernis für die Eroberung Bosniens und der westlichen Herzegowina beseitigt. Unter osmanischer Herrschaft wurde Počitelj als Bollwerk gegen das noch immer von der Republik Venedig beherrschte Dalmatien ausgebaut. Die Siedlung wurde bereits im 16. Jahrhundert deutlich erweitert; nach 1600 folgten der Bau typisch orientalischer Stadtgebäude. Ein Hamam (Bad), eine Medrese (Koranschule), ein Han (Gasthaus) sowie eine Sahat kula (Uhrturm) wurden errichtet. Das Wasser für den Hamam wurde aus der Neretva in die am Berg gelegene Stadt befördert. Seinerzeit war Počitelj damit eine der modernsten Städte der Region. Im Krieg wurde Počitelj zunächst von serbischen Truppen, dann von der HVO angegriffen und verwüstet. Die Truppen der selbsternannten Republik Herceg-Bosna nahmen 1993 viele überwiegend muslimische Einwohner gefangen, deportierten sie in Gefangenenlager, deren größtes das Lager Dretelj war, und zerstörten die Moschee, den Hamam sowie den Han und zahlreiche osmanische Häuser aus dem 18. Jahrhundert.. Die Rekonstruktion der meisten historischen Gebäude wurde 2002 abgeschlossen.

Die Fotos aus Pocitelj hat mir freundlicherweise Safet zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür, sie sind SEVDAH!










Gleich in der Nähe der Moschee setzen wir uns in Cafe, verschnaufen bei Kaffee und Limonade. Tatsächlich hatte in letzter Zeit selten die Möglichkeit, mit meiner Mutter einfach zu reden, als Freundin, auf Augenhöhe und es tut uns beiden so gut, merke ich....
Meine Kleine schläft auf dem Rückweg im Auto ein, im Radio läuft Zaim Imamovic, 





meine Mutter und ich singen leise mit, die Sonne scheint und wie war das nochmal - das Glück liegt in den kleinen Dingen...

Clash der Kulturen...

Ein Freund, der in München lebt, kommt aus Kroatien zu Besuch, wir fahren zur Tekija. Ich beobachte ihn, als wir den Hof betreten und er reagiert genau so, wie ich es schon vermutet hatte und bei einigen meiner deutschen Freunde schon erlebt hatte. Er ist begeistert und stellt mir viele Fragen bei der ersten der insgesamt sechs kahvas an diesem Tag. Im Gespräch fällt die obige Überschrift, nicht weil hier ein Kroate und eine Bosnierin, sondern ein Bayernbazi und eine Spätzlesfresserin am Tisch sitzen. Auf dementsprechend hohem intelektuellen Niveau führen wir dann auch das Gespräch :-) Zwischendurch wird es auch ernst, wir reden über den Nationalismus auf beiden Seiten, über Religion und wie sehr sie eben von diesen Nationalisten missbraucht wird. Das Gespräch setzen wir dann in Mostar fort und beim Abendessen in meinem Lieblingsrestaurant mit der Terasse und dem wundervollen Blick auf die alte Brücke stellen wir fest, wie scheisse doch Nationalismus ist, dass Gastarbeiterkinder alle einen an der Klatsche haben und wie einfach doch alles sein könnte, aber einfach einfach zu einfach wäre :-)


Sarajevo, wir kommen....

Abends geben Frenkie und Kontra ein Konzert in Sarajevo, mittags machen sich mein kleiner Cousin Muharem und ich auf den Weg, im Auto spricht er sich seinen Frust von der Seele: Nächstes Jahr ist er mit der Schule fertig und steckt im Zwiespalt: das studieren, worauf er Lust hat und im Anschluss arbeitslos sein oder das studieren, was ihm sein Vater empfiehlt, auf die guten Beziehungen hoffen um nach dem Studium einen Job zu haben, der ihm zwar keinen Spass macht, aber Geld nach Hause bringt. Bitter, welche Gedanken man sich Anfang Zwanzig in Bosnien machen muss...
Wir treffen uns mit Goca, einer lieben Freundin aus Stuggi. Der Club ist schon gut gefüllt als wir kommen, das Durschnittsalter bei Zwanzig, doch hey man ist immer nur so alt, wie man sich fühlt. 


mein Bosnien reicht von der Neretva zur Drina, Deins von der Bascarsija bis zur Cengic Vila

Frenkie, 1982 geboren, hat den grössten seinen Teil seiner Jugend als Flüchtlingskind in Deutschland verbracht. Seine Karriere begann als Backup MC und Schützling von Edo Maajka in der FM JAM-Familie. Mittlerweile gehört er zum Urgestein der Hip Hop Szene auf dem Balkan. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, seine überaus scharfzüngigen Texte sind geprägt von Wortwitz und einer brutalen Ehrlichkeit, die weh tut.
Neben seiner Musik ist er auch politisch aktiv, so hat  er sich in einem gemeinsamen Projekt mit einem serbischen Friedensaktivisten des Themas Krieg bzw. Vergangenheitsbewältigung angenommen, heraus kam dabei unter anderem eine überaus interessante Doku, anbei die Kurz und Langversion: 





Kontra, der "Jungspund" überzeugt mit intelligenten Texten und genialen Beats. Sein Album "Igra rijeci" / Wortspiel war letztes Jahr das bestverkaufte Hip Hop Album auf dem Balkan. Mit gerade mal 26 Jahren hat er schon drei Alben veröffentlicht, an Battles in ganz Europa teilgenommen und verdient auf jeden Fall Achtung und Respekt: 



Geflügelrollen nachts um zwei...

nach dem Konzert fahren wir zurück und unterwegs kriege ich Hunger, wir halten in Jablanica an der Bäckerei Putnik / Reisender und holen uns was zum Essen. Ganz ehrlich: selten hat mir etwas so gut geschmeckt wie diese Geflügelrolle nachts um zwei oder wie wir es so schön sagen: leglo mi ko budali samar :-D (An dieser Stelle muss ich mich bei den deutschen Lesern entschuldigen, manche Sachen kann man einfach nicht übersetzen ohne dass der Witz verloren geht, SORRY!)













Sonntag, 25. Oktober 2015

egal, wie lange man bleibt - es ist immer zu wenig 2. Teil

 

 klapper nicht mit den Pantoffeln...


 
 

In unmittelbarer Nähe der Tekija befindet sich das Haus der Familie Velagic.  1766 erbaut steht das Gebäude unter Denkmalschutz, im Haus befindet sich ein Geschichtsmuseum sowie zwei Terassen, wo man Kaffee trinken kann. Und tatsächlich, so habe ich das Gefühl, scheint die Zeit still zu stehen, sobald man den Hof betritt. Die Pantoffeln an der Tür wecken in mir eine leichte, sentimentale Wehmut: Ich sehe meine Oma vor mir, wie sie bei uns auf dem Dorf, in ihren Dimije mit einem Topf voll Sarma zu ihrer Nachbarin huscht und habe das Klappern ihrer Pantoffeln im Ohr. Manche Erinnerungen sind Gold wert und diese ist eine meiner liebsten... 





An der Tür heisst es erstmal: Schuhe ausziehen und die Zeitreise beginnt: Sämtliche Möbel und Einrichtungsgegenstände sind, sofern sie den Krieg überstanden haben, liebevoll, zeit- und kostenintensiv restauriert worden. Die Teppiche sind von Hand gewebt, die Kissenbezüge von Hand bestickt, man merkt, hier kümmert sich jemand mit sehr viel Liebe um jedes Detail. Ich schaue mich um und sehe sie vor mir sitzen, die Familie um die sinija, den runden Esstisch, auf dem Boden hocken und miteinander essen, reden, lachen. Dann im Anschluss der Kaffee, während die Kinder im Haus spielen. Ich betrachte die einzelnen Gegenstände und verliebe mich in die Oldschool Babywiege.





















  



Mirza Velagic schliesst mir die Tür zum hinteren Teil des Gebäudes auf, ein Steg führt über die Buna, ein frisch gereinigter Teppich trocknet gerade in der Mittagssonne und während die Sonnenstrahlen auf dem Wasser glitzern, spüre ich den Sevdah in mir, eine Mischung aus Lebensfreude und Nostalgie, Wehmut und Energie. Ein komisches, aber gutes Gefühl...





Wir gehen hoch zur Terasse, Mirza bringt uns zwei Kaffee und selbstgemachte Limonade. Er ist Anfang Zwanzig, studiert und im Sommer arbeitet er hier, wobei er es nicht als Arbeit empfindet sagt er, sondern als Lebensaufgabe. Sein älterer Bruder und er widmen sich dem Erhalt des Hauses und des Museums mit ganzem Herzen. Die Geschichte des Hauses sowie das kulturelle Erbe seien zu wertvoll um es dahinsiechen zu lassen. Leider sieht das die Regierung nicht so, denn auch wenn das Haus unter Denkmalschutz mit strengen Auflagen steht, sind die Brüder Velagic was die Finanzierung angeht, zum grössten Teil auf sich selber gestellt und jeder Antrag auf Fördergelder ein Kampf gegen Windmühlen. Während wir unseren Kaffee trinken, kommen immer wieder Touristen, setzen sich zu uns, man plaudert und es fasziniert mich immer wieder, wen es so nach Blagaj zieht. Ob es die österreichische, sehr sympathische Hippie-Braut auf einem Selbstfindungstrip, das ältere italienische Ehepaar oder eine ganze Gruppe türkischer Touristen ist, ich finde es spannend, sie zu beobachten, ihnen zuzuhören. Mit Sherry komme ich ins Gespräch, sie ist 36, aus den USA und hat vor 6 Monaten ihren gutbezahlten Job bei einem Fernsehsender in Detroit gekündigt, seitdem ist sie in Europa unterwegs. Sie kommt gerade aus Kroatien und ist begeistert vom Balkan. Gute zwei Stunden sitzen wir so da, reden, dann zieht sie weiter zur Tekija. Gerade als ich auch gehen will, kommt Manuel, ein Deutscher, der wissen will wann der Bus nach Mostar fährt. Er setzt sich zu uns, Mirza kommt mit der nächsten Kahva und wir ins Gespräch. Manuel ist im Rahmen eines Projektes für eine NGO auf dem Weg in den Kosovo und hier auf der Durchreise. Er erzählt uns vom Projekt, es geht um den Aufbau und Förderung eines Dialoges zwischen Albanern und Serben. Alter Schwede, denke ich mir, das wird eine kreative Herausforderung. Nicht nur, dass es ein schweres Thema ist, für einen Deutschen ist das erste Mal auf dem Balkan ein Schock, in jeglicher Sicht. Angefangen vom Alltag ohne Mülltrennung, Strassenverkehrsordnung und geregelte Öffnungszeiten der Läden bis hin zu einer Bürokratie, bei der man hinten und vorne nicht mehr durchblickt. Man merkt Manuel an, dass er schon seine Erfahrung damit gemacht hat, mir gefällt, dass er es mit Humor nimmt. Da er seinen Bus verpasst hat, nehme ich ihn nach Mostar mit, auf dem Weg erzählt er mir von seiner Arbeit und es beeindruckt mich, mit welcher Begeisterung aber auch Ernsthaftigkeit er davon erählt. Manuel, wenn Du das hier liest, bitte mach so weiter, denn das was Du machst, ist wirklich gut und wichtig! 

Nachdem ich ihn abgesetzt habe, gehe ich noch schnell einkaufen und eine Momentaufnahme auf dem Parkplatz zeigt mir, wie krass die Situation in Bosnien tatsächlich doch ist- barfuss oder Lackschuh. Entweder Du hast nichts oder Du hast alles - willkommen in Bosnien!




Abends treffe ich mich mit Freunden zum Essen. Wir sitzen auf der Terasse des Restaurants mit einem wunderschönen Blick auf die Alte Brücke und so entspannt die Stimmung ist, so ernst ist das Thema:


Nermin und Vahid sind gerade zurück aus Belgrad, wo sie Spenden an die syrischen Flüchtlinge im Park im Wert von 2000 € verteilen haben. Nermin ist Vorsitzender des Vereins "Zusammen für unsere Stadt" und ein Bilderbuchbosnier: renitent, stur, bisweilen anstrengend aber unglaublich herzlich und hilfsbereit. Er erzählt mir, was als nächstes geplant ist, sie wollen Rentner und Familien mit Brennholz für den Winter versorgen. Die Begeisterung, mit der er von den geplanten Aktionen spricht, beeindruckt und beschämt mich gleichzeitig,zeigt sie mir doch vor allem eins: es sind die am wenigsten haben, die am meisten geben!